Mit Besuch durch die Nacht – von Palermo, dem Havanna Europas, bis ins glasklare Wasser von Sardinien!

Vor Cefalù fällt der Anker in den Sand. Wir freuen uns auf die wunderschöne Stadt, die sich an den Berg schmiegt. Unser Gommone (Baby-ELMO) verzurren wir an einem kleinen Anleger, auf dem Männer mit Basthüten stehen und angeln. Etwas touristisch, stellen wir schon nach den ersten Metern fest. Überall hört man „A weng weit wech.“, „Dreh dich mal bitte zur Kamera, ja, jetzt noch ein wenig lächeln…“, „Och das ist aber ein schöner Magnet!“. Hier sprechen sie alle Deutsch! Doch die, die uns erzählen können, wo man unseren großen, grauen Müllbeutel entsorgt, sprechen italienisch. Auch wenn wir, Dank der konsequenten Ignoranz der englischen Sprache, im Süden Italiens nun zu Experten im Verstehen von Italienisch mit Händen und Füßen sind, müssen wir durch die halbe Stadt laufen, bevor wir das graue, übel riechende Monster loswerden. Wir schauen uns ein wenig die Stadt an und sind übermannt von dem vielen Klimbim den man hier erstehen kann.

Wir sind angekommen – dort, wo viele Leute Urlaub machen. Daran erinnert uns auch ein Kokosnussverkäufer, der mit einer echt guten Melodie und einem Beat, der sich gewaschen hat, seine Waren an Mann und Frau bringt.

Ohrwurm für den Tag – check! In einem kleinen Café mit Blick auf ELMO in der Bucht und dem Dinghi am Anleger fragen wir uns mal wieder, was beunruhigender ist: ELMO und Dinghi zu sehen oder eben nicht zu sehen, wenn man auf Landgang ist. Die Schwimmer ziehen ihre Bahnen an ELMO vorbei ohne das Deck zu erklimmen. Nach einer Ladung Cannoli (ein, zwei leckere Gebäckröllchen mit super-leichter Füllung aus Ricotta), die instant auf die Hüfte geht, manövrieren wir uns durch Touristenmassen, um die in den engen Gässchen bretternden Autos und Roller, vorbei an einem motorisierten Gemüsehändler mit Vespacar (auch Ape genannt) zum Anleger. Hier findet Matthias heraus, dass die Seepferde, die er glaubt ums Boot herum zu sehen, eigentlich Fische sind, die Seenadeln heißen. Aber auch die Seepferde gehören zur Gattung der Knochenfische aus der Ordnung der Seenadelartigen – danke Wikipedia!

Rumhängen auf dem Vordeck und auf das Meer gucken – unbezahlbar!

Am Abend ruft Tugba, eine gute Freundin, an und teilt uns mit, dass sie Urlaub braucht. Am Besten auf einem Segelboot. Kein Ding, sogar wunderbar – soziale Kontakte sind spitze, außerdem steht schon bald die Nachtfahrt nach Sardinien an, bei der wir jeden Mann oder Frau mehr schätzen. Spontan, wie wir Tugba kennen, wird ein Flug nach Palermo gebucht.

Wir ankern vor dem Hafen in Termini Imerese, geschützt hinter der Mole. Morgens höre ich Matthias über mir auf dem Deck stampfen. Er ruft etwas von Gewitter und baut die große Ankerkettensicherung ein. Ich schaue aus dem Fenster, es ist 6:30 Uhr, ein wunderschöner Sonnenaufgang – auf der Steuerbordseite. Matthias rumpelt mit der Zaghaftigkeit einer Büffelherde, die gerade durch die Wüste galoppiert, weiter umher. Ich verstehe die Aufregung nicht, schenke mir aber das Weiterschlafen und rolle mich aus dem Bett. Huch… ja, rechts von uns ist ein wunderschöner Sonnenaufgang zu sehen, aber links sieht es nach Weltuntergang aus.

Dicke Wolken rollen sich wie überdimensionierte Cannolis über die Stadt. Sie scheinen das Meer zu berühren.

Statt der angesagten Flaute gibt’s jetzt ganz schön einen auf die Zwölf! Wir krängen bei 40 Knoten Wind von einer auf die andere Seite. Auch wenn das Gewitter ziemlich bedrohlich aussieht, malt es ein farbenprächtiges Bild direkt vor unseren Augen.

Das Gewitter kommt angerollt.

Zum Duft von nassem Teak trinken wir nach dem himmlischen Erbrechen unseren Kaffee.

Palermo – Ich liebe Dich!

Vorfreude auf die Stadt macht sich breit, als wir ELMO gemütlich zwischen zwei anderen Booten im Stadthafen festmachen. Eine Dusche für ELMO und eine Dusche für uns später, stehen wir bereit zum sofortigen Aufnehmen von Nahrung auf der Pier. Wir wollen eigentlich nur schnell noch etwas auf die Hand haben und dann ab in die Federn, aber Palermos Altstadt zieht uns an wie ein Magnet. Die schmutzigen kleinen Gässchen, die unbeleuchtet etwas unheimlich scheinen. Die vielen Gerüche von Pizza, gegrilltem Fisch, Pasta. Die Menschen, die in der lauen Sommernacht bei Rotwein oder Bier vor den Bars sitzen, lachen und reden. Die vielen kleinen Balkone, von denen sich Wohnungen in Köln mal eine Scheibe abschneiden könnten. Die alten, bröckeligen Fassaden mit den kleinen unzähligen Fensterläden und wirren Rohren sowie Stromleitungen. Mit all dem Charme hält uns Palermo fest im Bann und lässt uns trotz Müdigkeit und Hunger immer weiter laufen, staunen und entdecken.

Antica Focacceria San Francesco – unbedingt empfehlenswert!

Was für eine wundervolle Stadt, so unglaublich abgefuckt aber schön!

An einer Straßenecke sitzen fette Katzen auf den gestapelten Müllbeuteln und fressen, im Hintergrund flackert ein Licht – ein Bild wie es hätte nicht schöner in einem düsteren Comic gezeichnet werden können! Bei leckerem Focaccia, kühlem Craft-Bier und einem Glas Prosecco, fallen wir zu Straßenmusik auf den harten Eisenstühlen beinahe ins wohlige Futterkoma.

Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die sich gegen die Machenschaften der Mafia einsetzten und diese eindämmten. Beide wurden bei einem Bombenattentat der Mafia getötet.

Auf den Straßen der alten Mafialegenden laufen wir dann doch ein paar Minuten später durch das Cuba Europas zurück zum Hafen.

Unter Deck höre ich am nächsten Morgen eine vertraute Stimme, die fröhlich „Hallo Elmo“ ruft. Tugba ist da!!! Ich hechte den Niedergang hoch. Matthias und ich begrüßen unseren ersehnten Besuch. Wunderschön! Vertraut! Tugba kann einziehen, wie vor knapp vier Monaten, als unsere Reise begann. Später wollen wir bei Tag durch die Stadt ziehen und aufproviantieren. Ein Wenig schlendern, bevor die Wäsche zurück kommt, die wir am Morgen abgegeben haben und bevor ELMO einen Motorservice bekommt. Auch am Tag ist Palermo bunt, wuselig, dreckig und wunderschön. An jeder Ecke gibt es Neues zu entdecken. Streetart soweit das Auge reicht. Ein improvisierter Muschel- und Fischhandel in der Garage eines heruntergekommenen Hauses. Auslagen in den Gässchen mit frischem Gemüse, Heiligenbildern, Büchern, LPs, Trödel, Altem und Neuem.

Zwischendurch fährt ein Mann auf seinem kaputten Roller, der droht bei jeder Bodenwelle unter ihm zusammenzubrechen.

Er beschallt halb Palermo mit Bob Marley. Aus voller Kehle singt er mit „ There was a Buffalo Soldier … … in the heart of America … … Stolen from Africa … … brought to America“ und knattert von dannen. Als wir die Einkaufswagen mit neuem Proviant Richtung Taxi schieben wollen, blockieren alle Reifen. Mit voller Kraft versuche ich, den Wagen weiterzuschieben – funktioniert nicht. Ein etwa 10-jähriger Junge macht Tugba und mir klar, dass die Reifen des Wagens blockieren, sobald man sich weiter als 4 Meter rund ums Gebäude entfernt. Verrückte Welt. Da hatten wir noch vorher gescherzt, ob wir nicht die Einkaufswagen bis zum Hafen schieben.

Beim Motorservice bekommt ELMO einen Ölwechsel, einen neuen Keilriemen und einen neuen Impeller. Jetzt ist er gewappnet für die Weiterfahrt! Die Motor-Jungs sind megalustig und erklären Matthias alles, was er wissen muss – auf Italienisch, versteht sich.

Auch die frisch gewaschenen Sachen kommen mit nur einer halben Stunde Verspätung. Erst nach dem Auspacken (alle unsere Sachen waren zu jeweils 3-5 Stücken in Plastiktüten verschweißt) rieche ich neben Blumenduft den alt bekannten Schwefel-faule-Eier-Geruch von Vulcano. Der Mist ist nicht raus gegangen sondern hat wahrscheinlich mit seinem Duft auch noch unsere restlichen Bettlaken, Handtücher, T-Shirts und Hosen angesteckt. Ich bin gespannt, wann sich dieses Andenken von Vulcano verflüchtigt!

Am Abend stürzen wir uns nochmals in Palermos Arme und lassen uns durch die Straßen treiben.

 

In San Vito Lo Capo machen wir uns bereit für die Nachtfahrt nach Sardinien. Ein gutes Frühstück, ein paar Runden um ELMO schwimmen und ab rüber!

Auf dem Weg zur Bucht

Ich habe Respekt vor Mutter Natur, vor der Nachtfahrt und bin etwas nervös.

Am Tag machen wir viel Höhe um am Abend, wie von sämtlichen Wettermodellen vorhergesagt, mit Am- bis Halbwind rüberzumachen. Ein flaues Gefühl ist da und lässt sich nicht wegdiskutieren.

Die goldene Stunde!

Am Himmel sind unzählige Wolken, alles Schäfchen, nicht wirklich bedrohlich. Der Wind soll ab 18:00 Uhr drehen und uns die ganze Nacht mit 7-10 Knoten näher Richtung Ziel bringen. Nach einem phantastischen Sonnenuntergang schlüpfen wir allesamt in lange Klamotten.

Sonnenuntergang auf dem Meer

Tugba übernimmt die erste Schicht, danach werde ich übernehmen. Zwei Stunden soll eine Wache dauern, somit sind für jeden von uns, nach Fertigstellung der Wache, vier Stunden Schlaf drin. Nach dem Spaghettikochen unter erschwerten Bedingungen bei Lage und Wellen, lege ich mich im Salon schlafen.

Bye bye Sonne

Wegdösen geht, schlafen nicht. Irgendwann habe ich das Gefühl, wir fahren mit 120 km/h durch die Wellen. Das Wasser rauscht hinter meinem Rücken vorüber, ELMO liegt auf der Backbordseite. Tugba ruft von oben, dass die Böen bis zu 20 Knoten rauf gehen. Wir haben Vollzeug draußen. Matthias sprintet so schnell, wie es eben geht, wenn man sich noch das Ölzeugs und die Rettungsweste anziehen muss, hoch. Meine Schicht beginnt in ein paar Minuten und ich fühle mich nicht wirklich gut bei dem Gedanken, alleine oben zu sein und Vollzeug bei Nacht zu fahren. Ich denke ans Reffen! (Das Segel verkleinern, damit man weniger Windangriffsfläche hat, dadurch hat das Ruder weniger Druck, das Boot liegt gerader im Wasser und ich finde es in manchen Situationen einfach sicherer) – War da nicht was? Wenn man daran denkt, sollte man es auch tun! Wir reffen das Großsegel, Matthias legt sich im Cockpit schlafen, Tugba ist für die nächsten Stunden entlassen. Mit 7 Knoten rauschen wir auf Kurs 288° in die Dunkelheit.

Nach der Nachtfahrt ein bisschen Ruhe mit Musik 😉

Der Plan geht auf, der Wind bleibt beständig, mehr als 17 Knoten sehe ich nicht mehr auf dem Windmesser. Nach 2 Stunden löst mich Matthias ab. Ich verkrümel mich nun, endlich auch müde und schlafbereit, in die hüpfende Vorschiffskabine. Tugba hat anscheinend zu viel Energie, denn sie steuert dreieinhalb Stunden durch, bevor sie mich das nächste Mal zur Wache weckt.

Anleger 😉

Sardinien empfängt uns in der Punta Molentis mit glasklarem Wasser und einer sehr potenten Mooringboje am darauffolgenden frühen Abend.

Sofort lassen wir die Hüllen bis auf den Bikini und die Badehose fallen und springen ins kühle Nass. Am Morgen werden wir von der Guardia Costeria vertrieben. Die Boje ist eigentlich für Ausflugsboote gedacht. Anchoraggio, erklären sie uns, wäre ok. Ganz im Gegensatz zu dem, was in unserem Revierführer steht!

Und da sind noch 5 Meter Wasser unter dem Kiel!!!

Deep blue

Tugba an Bord zu haben ist wunderbar. Wir quatschen, lachen, schweigen, genießen, schwimmen, teilen Arbeit und essen gemeinsam. Selbst ein Frauenabend mit Schnulzfilm ist drin, der uns aufgewühlt, verständnislos in Poetto ins Bett gehen lässt, da er ein nicht ganz so vorhersehbares Ende hat. Wir sind erschüttert und schütteln noch im Bett mit den Köpfen.

Nur noch die letzten Sonnenstrahlen genießen bevor es nach Cagliari geht.

Gute Nacht Elmo!

ELMO in der Marina di Sant’ELMO! Und ein FC Köln Begrüßungskomitee.

Cagliari ist die Hauptstadt Sardiniens. Ein gigantisches Hafenbecken teilt sich in 6 Marinas auf. Schon an der Einfahrt kommen uns Roberto und Alessio mit ihrem kleinen Bötchen entgegen. Sie cruisen durch’s Hafenbecken, weil sie nicht viel zu tun haben. Es ist Oktober – Nebensaison. Roberto spricht uns in exzellentem Deutsch an, ob wir einen Liegeplatz brauchen und in die Marina di Sant’ELMO kommen möchten. Tugba und ich sind Feuer und Flamme, Matthias braucht noch ein paar rationale Argumente bis er den Jungs folgt. Roberto kommt gebürtig aus Bonn und hat in Köln gewohnt. Schafft sofort einiges an Gesprächsstoff. Wir müssen herzhaft lachen, als wir feststellen, dass gerade der Trainer und Präsident des FC Colonia Sarda vor uns steht. Der FCCS ist eine offizielle Fanmannschaft des 1. FC Köln und spielt auf Sardinien in den REWE-Trikots der Kölner.

Alessio und Roberto

Wir sind Fans von den Fans!

In Cagliari wird die Stadt erkundet, bevor Tugba wieder ihren Koffer packen muss und den Heimweg antritt.

Cagliari <3

Aufgrund von fehlender Technik – ein handgeschriebener Seemeilennachweis 😉

 

byebyeTUGBA!!! Bis bald!

 

Vorbei die schöne Zeit zu dritt an Bord. Abschiede sind immer noch etwas Seltsames, aber nicht mehr so extrem, wie zuvor bei Philipp und Alena. Vielleicht auch weil wir wissen, dass schon bald der nächste Besuch ansteht. Meine Eltern werden nach Sardinien kommen und für eine Woche ein kleines Apartment in Teulada beziehen. Vorfreude! Wir hoffen auf Dosenwurst, Quality-Time mit der Familie und viel Heimatgefühl! Natürlich sind wir auch total gespannt darauf, was die Eltern zum Leben an Bord von ELMO sagen werden. Bis dahin haben wir einen Gang runtergeschaltet und uns in eine tolle Bucht namens Perda Longa Teulada gemuggelt. Viel Platz hier, für jedes Boot gibt es eine eigene kleine Bucht. Mit dem Dinghi fahren wir nach Österreich (ein österreichisches Boot) um Rotwein gegen Zigaretten einzutauschen, zum Strand, gehen schnorcheln im türkisfarbenen Wasser, beobachten Seenadeln und die gemeinen Mittelmeerfische, Flundern, die an der Ankerkette abhängen und ich bin mir sicher, dass es hier auch Unterwassermaulwürfe gibt. Auf dem Meeresboden befinden sich kleine Sandhäufchen mit jeweils einem kleinen Loch.

Totale Ruhe!


 
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