Eine Woche Urlaub für ELMO, uns und meine Eltern – Mit dem Auto durch den Süden Sardiniens.

Das Telefon in der Marina Teulada klingelt, Efisio geht ran und hat uns am anderen Ende. Für die kommenden Tage möchten wir in der Marina einen Liegeplatz haben um einen komfortablen, schnellen Einstieg für meine Eltern zu ermöglichen. Die sind zwar für viele Späße zu haben, aber eine Schaukel-Dinghifahrt mit Salzwasserdusche direkt am Anfang wäre bestimmt zu viel verlangt. „Klar – gerne!“ Efisio antwortet auf Deutsch! – Wie wir später erfahren, hat er vor längerer Zeit einen Deutschkurs wegen seines Jobs als Maitre d’Hotel gemacht. Ob er wohl ein Taxiunternehmen kennt, welches uns zum 69 km entfernten Flughafen bringen könnte? „Klar – kein Ding! Mach ich selber!“ Spitze! Gebucht! Alles! Auch das kleine airbnb-Apartment eingetütet.

Bevor wir die nächsten Tage in der Marina liegen, tauchen wir noch schnell die Bucht ab.

Die Marina ist irgendwo im Nirgendwo, vor dem Sperrgebiet des Militärs, welches sich auch mehrere Seemeilen ins Meer erstreckt. Dort, wo die schönsten Strände Sardiniens sein sollen. Supermarkt – Fehlanzeige! Egal, wir mieten eh ein Auto für die Woche. (Tipp: Fiat Tipo am Flughafen mieten = 7€/Tag, Fiat Panda o.ä. in Teulada mieten = 70€/Tag)

Und dann steht abends manchmal für einen kleinen Moment die Welt still!

MIT VOLLGAS AN DEN FLUGHAFEN!

Und schon sitzen wir bei Efisio im Auto. Er ist nicht der Besitzer der Marina, wie wir dachten, er ist ein Marinero und er kann brettern wie ein Rennfahrer! Ich bin ja wellen- und schwelltechnisch nun schon Einiges gewöhnt, dachte ich! Wir rauschen um die Kurven, die Serpentinen hoch, die Serpentinen runter, weichen Ziegen aus, bremsen hart wenn uns jemand entgegen kommt. Kurzer Zwischenstopp im Städtchen Teulada, um die Apartmentschlüssel abzuholen. Urgut – Efisio kennt den Vermieter, der nur Italienisch spricht und kann alles übersetzen. Weiter geht’s. Efisio rast, bremst, flucht über andere Autofahrer und quasselt am laufenden Band in gleicher Schnelligkeit, wie er seinen Wagen gen Flughafen manövriert. Wir können uns vor Lachen und aufgrund seiner Fahrkünste nur noch an den Haltegriffen festkrallen. Eine lustige Story jagt die Andere. So erfahren wir, dass Efisio seiner 80-jährigen Mutter die Gardinen ab- und wieder aufhängen sollte. Er hatte es allerdings vergessen, somit war seine rüstige Mutter, selbst wie sie sein soll, die Leiter hochgekraxelt und hat die Gardinen runtergenommen und gewaschen. Als sie diese gerade wieder aufhängen wollte, kam Efisio zur Türe rein und sah seine Mutter auf der obersten Stufe der Leiter. Er bekam Schnappatmung und bat sie, die Arbeit an ihn abzugeben. Sie solle nur gesagt haben „Vaffanculo Efisio! Ich habe dir gesagt du sollst kommen!“ Kurz darauf packte Efisio in einem unbeobachteten Moment die Leiter in seinen Wagen und nahm sie mit nach Hause. Seine Mutter würde die Leiter eh nicht mehr brauchen – sollen! Eine Woche später kommt der Sohn wieder und sitzt mit seiner Mutter im Garten. Hinter einer Ecke hatte die ältere Dame eine niegelnagelneue Leiter an einen Baum gekettet und mit einem großen Vorhängeschloss abgesperrt! Selbst ist die Frau!

WIR FAHREN MIT 130 DURCH EINE 70ER ZONE.

„Das ist OK hier! So fahren wir alle, diese Straße und die Küstenstraße sind vom ADAC ausgezeichnet worden als beste Straßen auf Sardinien. Hier gibt’s keine Unfälle!“ versichert uns Efisio. Mir wird flau. Zu Efisios Verteidigung muss ich allerdings erwähnen, dass ich mich nicht eine Minute unsicher gefühlt habe. Außerdem haben wir 18:30 Uhr und ich habe seit dem Frühstück heute Morgen nichts mehr gegessen. Wir machen noch einen kleinen Abstecher zum Baumarkt um Silikon zu holen. Unsere Spüle leckt ein wenig, die Silikonfuge hat sich an einer Stelle in Wohlgefallen aufgelöst. Passt Efisio in den Kram, er braucht auch noch etwas aus dem Baumarkt. Pünktlich schmeißt uns Efisio am Flughafen raus und rauscht von dannen.

Dort stehen wir nun vor den Schiebetüren, die sich alle paar Minuten öffnen und schließt. Aufgeregt, voller Vorfreude! Keine Eltern zu sehen! Nach einer gefühlten Ewigkeit geht dann endlich die Schiebetür auf und hinaus rollt das Pfeffer’sche Reisekommando mit breitem Grinsen auf dem Gesicht.

IST EIN BISSCHEN WIE DAMALS BEI „HERZBLATT“, DER SINGLE-ABENDSENDUNG MIT RUDI CARELL, NUR DASS MAN WEISS, WER RAUS KOMMT. 

Wunderbar, fühlt sich direkt nach Heimat an, wenn alle im Gang stehen bleiben sich umarmen, man danach checkt, dass andere Leute durch wollen und sich dann die gesamte Mannschaft erst mal unbeholfen in alle Richtungen verteilt.

Mietwagen unter die Hintern und auf ins Restaurant! Alle Mägen knurren. Ziel 1 (nach 1,5 Std. Autofahrt) – Geschlossen! Ziel 2 – ist gerade dabei, die Tore zu schließen. Alle guten Dinge sind ja bekanntlich drei. So bekommen wir, nachts um halb zwölf, dann doch noch was in den Magen, bevor wir die beiden im Apartment einziehen lassen.

BELLO RAGAZZI!

Am Donnerstag in der Früh geht’s für die Herren zum italienischen Friseur. Matthias‘ Haupthaar, sowie der Bart haben sich seit unserer Abreise vervielfacht. Papa wollte sich vor der Spontanreise noch einen Friseurtermin geben lassen, war aber alles ausgebucht und er bekam keinen. So hatte er sich selbst die Haare etwas gekürzt und sich eine stylische Zacke auf den Hinterkopf frisiert. Friseure wissen ja eigentlich immer ganz gut, was einem am Besten steht, somit werden die beiden ihrem Schicksal überlassen, denn Verständigung klappt eh nicht, die Smartphones mit Google Translate liegen im Apartment. Ich darf neben einem wartenden Mann mit italienischer rosa Tageszeitung hinter den beiden sitzen und auf die Spiegelbilder der skeptischen, etwas ängstlichen Gesichter schauen, die krampfhaft versuchen, nett und freundlich zu wirken, während Vater und Sohn Hand an meinen Vater und Matthias anlegen. Äußerst unterhaltsam! Ein paar Minuten später komme ich mir unheimlich unschick neben den beiden vor, als wir zurück zum Apartment laufen. Dort finden wir meine Mutter, bewaffnet mit Schaufel und Besen. Selbst im Urlaub geht sie noch gern „in den Garten“ um den Blümchen eine Wellnessbehandlung zu geben. Wir schütteln mit dem Kopf – es ist doch Urlaub!

ZEIT, ELMO IM WASSER KENNENZULERNEN!

Gesehen haben die Eltern unser „neues Zuhause“ ja schon, allerdings auf dem Parkplatz der Werft, aufgebockt, ohne Mast, bereit zur Auslieferung. Die Guten-Morgen-Möve dreht ihre Bahnen auf dem Steg.

Mit einem beherztem Sprung landen Mutter und Vater auf der Badeplattform. Lektion 1 – langsam übersteigen. Alles geht ohne Kraft oder Hektik, denn nach Kraft und Hektik kommt „ab“. Nach einem Eingewöhnungsfrühstück auf ELMO fahren wir über die weniger kurvige Küstenstrecke auf Touritour. Wir besichtigen Nora, eine Ausgrabungsstätte. Family time is quality time! Es ist schön, die beiden hier zu haben. Fühlt sich alles nach Urlaub an. Baden am Strand neben der Marina wird zu einer der schönen Erinnerungen. Papa freut sich wie ein kleines Kind, nach Langem wieder im salzigen Meer zu baden, legt sich auf den Rücken und schaut in den Himmel oder rollt sich auf die Front und mimt den „toten Mann“. Mama ist da eher skeptisch. Sie schaut vom Strand auf das kühle Nass und macht Fotos, bis ich sie dann nach mehrmaligem Quängeln auch ins Wasser locken kann. Wie früher.

Jahrtausend alte Mosaike sind in Nora erhalten geblieben.

Manche Bauwerke haben sich zur Ruhe gelegt.

Die Tage verstreichen wie im Flug! Wir fahren mit ELMO raus, um den Landratten Seebeine zu verpassen und um die Logge zu befreien, die mal wieder voller Muschelkalk sitzt. Die Sicherheitseinweisung des sichtlich aufgeregten Matthias dauert länger als sonst. Die Pfeffers sind ja auch das erste Mal auf einem Segelboot. Eingepackt in Rettungswesten bei ruhigen, sommerlichen Bedingungen fahren wir in eine Bucht zum Schwimmen.

DAS GRINSEN AUF DEN GESICHTERN DER ELTERN BEI DIESEM KLEINEN TRIP – UNBEZAHLBAR!!!

Mama soll sich an das extravagante Autofahren auf Sardinien gewöhnen, so wechseln sich Matthias und meine Mutter beim Autofahren ab. Auf dem Weg nach Cagliari erspähe ich die drei Masten der Segelyacht A, dem größten Segelboot der Welt, und wir machen einen Abstecher um uns dieses schaurig schöne Monster anzusehen.

Später schlendern wir durch die schöne Hauptstadt Cagliari, deren Name auszusprechen anscheinend für „Sauerkrauts“ echt schwer ist. Wir kreieren Worte wie Kackliari, Cälgary, oder Kackliri – wobei es doch eigentlich ganz einfach ist. Gesprochen: Kaljari! Papa findet beim Nachmittagsessen heraus, dass Spaghetti Carbonara hier kein Hauptgericht, sondern eine Vorspeise ist und bestellt sich prompt noch eine Pizza hinterher. Mama kann Tempel besichtigen und alles Mögliche auf ihrer Kamera für die Ewigkeit festhalten. ELMOs Vorschiffskabine bekommt eine neue Matratze für besseren Schlafkomfort, denn der Skipper auf der Erbse hat einen geschundenen Rücken und bekommt seit Wochen keinen erholsamen Schlaf. Wir treffen Tihomir mit seinem Segelboot Big-Mac wieder, den verrückten Segler aus Rocella Ionica, der 5 Tage am Stück von Istrien nach Kalabrien durchgesegelt ist und auf der Fahrt einen neuen Anstrich mit modisch-schwarz-bräunlichem Brackwasser bekam. Haben lustige Momente mit Efisio und seinen Hafenjungs. Genießen die Zeit mit unendlichem Strom und Süßwasser sowie die Gespräche mit Mama und Papa.

Eines der eindrucksvollsten Murals, die ich in Cagliari gesehen habe.

Abends sitze ich im Salon und kann nicht schlafen, finde aber seit einer Weile die Ruhe und die Zeit, die einer kleinen Vorlesung meiner ehemaligen Texterin gebührt. Sie hat mir eine ihrer Kurzgeschichten als Sprachnachricht geschickt. Ich wollte so lange warten, bis ich die Muße habe sie zu hören. Häufig lagen wir in der Mittagspause irgendwo im Carlsgarten in Köln und sie las mir ihre Geschichten vor. Ihre Art zu schreiben, ihre Wortwahl und die Situationen, die sie beschreibt, feier ich inständig und inspiriert mich zu eigenen kleinen Kurzgeschichten – wie diese hier:

„DER ABEND HINKT“ ODER „DER STREUNER MIT DREI BEINEN, DER AUF EINE PROTHESE VOR DER PIZZERIA TRAF“

Kugelrundgefuttert, zum Bersten gefüllt – so wanke ich mit dem Schritt einer Schwangeren Anfang der Dreißiger raus. Raus aus dem terracottafarbenen, italienischen Speisesaal der La Grotta Azzura. Es ist Oktober auf Sardinien, meine Eltern sind zu Besuch. Gedankenverloren schaue ich auf den ausgetrockneten Fluss des Örtchens namens Teulada. Warum nennt man ein terracotta gestrichenes Restaurant „die blaue Grotte“? Egal – denke ich mir, fühlt sich nach Urlaub an und im Urlaub muss man sich nicht den Kopf zermartern. Ich stecke mir meine Tschick an. (Tschick: Österreichisch für Zigarette – ich finde das Wort wesentlich sympathischer und außerdem hört es sich weniger krebserregend an – meine kleine Rebellion gegen die unappetitlichen Bilder auf den Verpackungen.) Ein tiefer Zug und schon puste ich den blauen Rauch in die mediterrane, spätsommerliche Abendstimmung. Ich höre ein Pulk Italiener sprechen, die sich nähern. Es klingt, als tippe eine eifrige Sekretärin hart, schnell und unbarmherzig auf einer Schreibmaschine aus „anno vor meiner Zeit“. Mein Blick schweift rücklinks über die Schulter, auf die drei Treppenstufen, zu der man in die „blaue“ terracotta-farbene Grotte hinabsteigen muss. Ein mittelgroßer, brauner, wurstiger Hund humpelt mit wild wedelndem Schwanz die drei Barrieren herab. Auf drei Pfoten. Die vierte gekrümmt, schützend unter seinem weiß befelltem Bauch versteckt. Seine Schlappohren winken freundlich bei jedem Hüpfen. Ein recht netter, adretter Begrüßungshund. Charmanten, stolpernden Schrittes kommt er rechts neben mir in die bekannte „Sitzstellung“, nur um mich flehend, nach Leckereien gierend, mit seinen riesigen Kulleraugen anzuschauen. Sein Krüppelpfötchen schüttelt er alle paar Sekunden. Ganz kurzes Fell. Lange Ohren, ein wunderschönes Gesicht. Blitzverliebt! Erst als meine Fingerspitzen und die Fingernägel langsam, sanft vom seiner Schnauze bis zu seinem Hinterkopf streichen bemerke ich die allzu gewohnte Geste. Oft hatte ich den Hund meiner Tante so gestreichelt, während ich am Abend, als kleines Kind, nicht schlafen konnte und mit Sack und Pack ins Hundekörbchen zog, um dort sicher und friedlich neben dem besten Freund endlich einzuschlafen. Das Tor der Grotte öffnet sich und befördert mich mit einem Knarzen ins Hier und Jetzt.

Heraus tritt eine Dame. Mit nur einem Bein. Und einer Prothese.

Welch Ironie des Zufalls!

Ich drücke die Zigarette aus und gehe zurück in die terracotta-farbene „blaue“ Grotte.

Die kleine braune Wurst hat kein Halsband. Ich denke mal wieder über Hundeadoption nach. Matthias meint, es wäre Tierquälerei einen dreibeinigen Hund an Bord zu halten. Am nächsten Tag erzählt Efisio, dass er den Hund kennt. Auch seine Besitzerin, aber die sei eine blöde Kuh.

Spitzenbedingungen zum Rausfahren!

Auf der Strada Statale fahren wir über Sa Portedda, Sant’Anna Arresi, Masainas und Giba nach Sant’Antioco. Einen letzten italienischen Stadtbummel wollen wir uns nicht entgehen lassen. Aber wie immer, resistent gegen alles Gelernte, fahren wir mal wieder zur falschen Zeit los und alles hat zu. Bis auf eine Eisdiele. Unser erstes Eis in Italien, realisieren Matthias und ich! Wir haben einen leeren Kofferraum und zum Glück gibt’s in Sant’Antioco einen Lidl, in dem wir aufproviantieren können um uns so für die Weiterfahrt auf die (whoopwhoop!!! FREUDE) Balearen vorzubereiten.

„Ganz schön viel zu tun habt ihr! Putzen, aufräumen, umräumen, abhängen, aufhängen, organisieren, bearbeiten …“ sagt Mama. Ja haben wir.

IST KEIN URLAUB – IST ALLTAG. DEN SCHÖNSTEN ALLTAG, DEN MAN SICH VORSTELLEN KANN.

Und ehe man sich versieht, ist die Woche mit den Eltern schon vorüber. Ein letztes Frühstück auf ELMO, noch ein Wenig rumgammeln und plötzlich ändern sich die Rollen!

Machten sich früher die Eltern Sorgen, wenn man mit oder ohne Auto unterwegs war, bin nun ich es, die sich Sorgen macht und um etappenweise Information der Rückreise bittet. Da fahren sie davon, im metallic-braunen Tipo, zwei Stunden über die kurvenreiche Küstenstrecke bis zum Flughafen. Aus ELMOs Cockpit haben wir noch eine gute Sicht auf die Straße, bevor die beiden endgültig hinter der Kurve an der Landzunge verschwinden. Ich wische mir die Tränen weg und finde Abschiede mal wieder unsäglich bescheuert! Erst als Mama um halb drei Nachts aus Freusburg anruft, bin ich beruhigt und kann endlich schlafen.

UNS HÄLT NICHTS MEHR IN TEULADA.

Eltern weg, Tihomir weg, die Batterien sind zum Bersten gefüllt, die Wassertanks sind voll, Kühlschrank, Schapps und Bilge gefüllt mit Lebensmitteln. Auch Efisio hat heute keinen Dienst. Leinen los!
 
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