Menorca, Du bist natürlich ganz groß! – Von dem Besuch einer Meeresschildkröte, dem besten Zeitpunkt einen Anker zu verlieren und einer Stadt zum alt werden!

Es ist gefühlt zu früh am Morgen für meinen Geschmack, als wir uns auf den Weg nach Menorca machen. 6:30 Uhr. Auch wenn Matthias hoch motiviert den Motor anschmeißt um aus der Bucht zu fahren, verraten seine Maulwurfaugen die Müdigkeit. Der Motor brummelt nicht lange vor sich hin, denn der Wind steht gut, die Segel zu setzen. Ein paar Seemeilen geht es gefühlt an Menorca vorbei, doch der Wind soll am Mittag genau so drehen, dass wir die gesamte Strecke unter Segel fahren können. Und das tut er! Im Mittelmeer fast schon eine unwirkliche Sache, wenn man den Langfahrtforen im Internet glaubt. Häufig wird davon geredet, dass drei Arten von Winden im Mittelmeer gibt – 1.: den Wind direkt auf die Nase, 2.: zu viel Wind oder 3.: zu wenig. (Alles irgendwie nicht wirklich segelbar.)

Das Meer zur goldenen Stunde

Das Meer zur goldenen Stunde

¡HOLA MENORCA!

Aber wir haben ihn abgepasst! Den Wind, der beständig da ist, keine krassen Böen verzeichnen lässt und uns bis knapp vor unser Ziel bringt. Die Cala Santandria ist mal wieder eine Bucht, die sich schlauchförmig bis zu einem kleinen Strand hin windet. Felsen ragen an beiden Seiten, wenn auch weniger hoch als auf Mallorca, empor.

FESTMACHEN MIT HINDERNISSEN.

Zwei Katamarane und ein Monohull haben schon ihre Anker zur Mitte der Bucht eingefahren und sich mit dem Heck und Landleinen an die rechte Seite der Bucht festgemacht. Ein starker Wind bläst und ich gucke in die leicht panischen Augen von Matthias. „Ganz schön viel Seitenwind hier!“ ruft er nach vorne zum Ankerkasten, wo ich bereitstehe um die Kette ausrauschen zu lassen. Einer der Katamarane ist der der Kiwis. Kein Neuseeländer zu sehen. Nicht mal Millau steht misstrauisch an Deck, bellt mit grellem Ton und beäugt uns mit seinen viel zu großen Augen für den kleinen Chihuauakörper. Scheiße! Wo sind die denn? Ohne die Hilfe eines Dritten schaffen wir es nicht uns schnell genug an den Felsen festzutackern, bevor uns der Wind erfasst und unkontrolliert durch die Bucht treiben lässt. Schnell springe ich nach unten und hole das Telefon hoch, damit Matthias Darren aus seiner wohlverdienten Siesta aufweckt. Bei den Kiwis hat es wohl die letzte Nacht arg geschwabbelt, sodass sie fix und fertig den ganzen Tag im Bett verbringen, erfahren wir, als mich Darren mit seinem Schlauchboot und unserer zweiten Landleine einsammelt um die letzte Landleine festzuzurren. Von den Monohull-Menschen hatte wohl keiner Lust ins Dinghi zu springen und zu helfen. Vom Ankommen in der Bucht bis zum Geräteausschalten vergingen doch tatsächlich 1,5 Stunden! Tom, unseren Nachbarn aus Düsseldorf, lernen wir erst den nächsten Tag kennen, als er mit seinem Dinghi Kurs auf sein Zuhause, den Katamaran neben uns, nimmt.

TOM PRODUZIERT GERADE ZU VIEL WASSER, DAS ER NICHT BRAUCHT, DA ER SEINEN WATERMAKER DURCHSPÜLT. IN UNS FINDET ER DANKBARE ABNEHMER, DENN WIR BRAUCHEN WASSER.

Eine Schlauchverbindung zwischen den Booten wird schnell hergestellt, Matthias freut sich gerade ein Loch in den Bauch. Kurzer Geschmackstest – das Wasser schmeckt fürchterlich nach Schlauch. Mist! Ganze Aktion umsonst? Nee! Denn wir wissen jetzt, das es nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch klappt! Aber Schlauchgeschmack wollen wir trotzdem nicht im Kaffee, Essen oder Wasser haben. Den Versuch war es trotzdem wert. Die Tage vergehen wie ein Fingerschnipp. Wir schnorcheln an den Felsen der Bucht, entdecken viele neue bunte Fische, retten eine Boje, die sich bei starkem Wind losgerissen hat und auf’s offene Meer treibt, beobachten an den Felsen die Tide, die sich eigentlich im Mittelmeer garnicht so wirklich bemerkbar macht, tukern zu einem kleinen Strandausflug an Land und schlichten Streit zwischen zwei Entenclans, die sich durch die Bucht laut schnatternd und sehr aggressiv an die Gurgel gehen.

Häuser in Ciutadella

CIUTADELLA – DIE EHEMALIGE HAUPTSTADT IN DER MAN ALT WERDEN UND DAS LEBEN GENIESSEN KANN.

Nach Ciutadella (der ehemaligen Hauptstadt Menorcas) wollen wir nicht mit ELMO, sondern gönnen uns eine kleine Bustour in der brutzelnden Mittagssonne. Dieses Mal haben wir auch Kleingeld für den Busfahrer dabei und sitzen schon bald in Begleitung einer wild und vor allem sehr laut telefonierenden Spanierin auf den quietschenden Plastikschalen des Busses, der uns zum Bilderbuchstädtchen bringt. Hohe Palmen streben zum Himmel als wären sie die Vorlage für das Märchen von Hans und der Zauberbohne (nur nicht so verschnörkelt), bunte Häuserfassaden stehen gepflegt aufgereiht, wie stolze Bauwerke vor einem Obelisk, der in der Flucht eines Springbrunnens quer zu einem massiven sandfarbenen und prunkvollen Gebäude angelegt ist. „Hier kann man alt werden!“ denken wir uns, aber Matthias findet recht zügig heraus das die Stadt eigentlich massiv überlaufen ist.

Der Platz um den Springbrunnen ist zur Siesta mit Einheimischen gefüllt.

Der Platz um den Springbrunnen ist zur Siesta mit Einheimischen gefüllt.

Ciutadella Gebäude

MAL WIEDER HABEN WIR DAS GLÜCKSLOS MIT DEM NAMEN „NEBENSAISON“ GEZOGEN!

An einer Mauer bleiben wir stehen und schauen auf den Hafen von Ciutadella. Hier tritt manchmal ein ungewöhnliches Phänomen auf. Es wird Rissaga genannt. Im Hafenkanal kann ein Tsunami entstehen, wenn mehrere meteorologische Faktoren aufeinandertreffen. Das Wasser wird binnen Minuten aus dem Hafen rausgesaugt, nur um dann, nach ein paar weiteren Minuten, als Riesenwelle in den Hafen zurückzukehren. Zuletzt hat Rissaga am 15. Juni 2006 30 Boote zum Sinken gebracht. Es scheint so unwirklich als wir ein spanisches Pärchen mit einem traditionellen Boot durch den Hafenkanal tuckern sehen. Die Stadt wirkt gemütlich, warm und wohlig, als wir fast alleine durch die kleinen schattigen Gassen zu Trompetenmusik laufen, die von irgendwo her durch die Straßen wabert. Durch eine Galerie, die Kunstwerke von hiesigen Künstlern präsentiert, tapern wir weiter. Matthias besorgt noch Kleinigkeiten für ELMO, während ich die gesellige Ruhe an einem Springbrunnen im Schatten mit der Kamera in der Hand genieße. Der selbe Bus, mit dem freundlichen Fahrer, bringt uns gegen Abend in Raketengeschwindigkeit zurück zur Bucht.

Der Hafen von Ciutadella

Der Hafen von Ciutadella

Obelisk Ciutadella Menorca

In den kleinen Gässchen weht ein sanfter Wind durch die Mittagshitze.

In den kleinen Gässchen weht ein sanfter Wind durch die Mittagshitze.

Kirchturm Ciutadella Menorca

Sobrasada Ciutadella Menorca

Sobrasada, ein spanischer Wurstaufstrich und andere Köstlichkeiten.

Gasse

Matthias im Schlaraffenland

Matthias im Schlaraffenland

Windmühle Ciutadella Menorca

Durch die Straßen Ciutadella Menorca

Alte Menschen im Schatten in den Gassen

Streetart in den Straßen von Ciutadella Menorca

Boot an Wand

Kunst in den Straßen von Ciutadella Menorca

Wir schlendern durch eine Kunstausstellung der Insulaner.

Wir schlendern durch eine Kunstausstellung der Insulaner.

KRISEN(ZUSAMMEN)TREFFEN MIT FRANKREICH UND ESTLAND!

Es zieht uns weiter Richtung Norden. In der Cala Algaiarens sind schon die Kiwis mit ihrer Wanderlust und auch Susannes Boot, die Mistral, zu sehen. Ganz in der Nähe soll es einen Bach geben, in dem Wasserschildkröten leben, hat uns Susanne gesteckt. Das müssen wir uns ansehen! Das Dinghi lassen wir am Strand neben Susannes Dinghi liegen und laufen erst mal in die falsche Richtung. Aber auch die falsche Richtung kann schön sein.

Ein Fluss fließt bis ins Meer. Es ist heiß und die Brühe riecht ganz schön stark nach Schwefel.

Ein Fluss fließt bis ins Meer. Es ist heiß und die Brühe riecht ganz schön stark nach Schwefel.

Überall entdeckt man Spuren im Sand.

Überall entdeckt man Spuren im Sand.

Oder Knochenreste.

Oder Knochenreste.

Top ausgestattet für eine Wandertour klettern wir über die scharfkantigen Felsen... Matthias ist gut vorbereitet, er hat sich Hornhaut an den Fußsohlen wachsen lassen.

Top ausgestattet für eine Wandertour klettern wir über die scharfkantigen Felsen… Matthias ist gut vorbereitet, er hat sich Hornhaut an den Fußsohlen wachsen lassen.

Am späten Nachmittag gesellen sich immer mehr Boote zu uns. Obwohl die Bucht eigentlich aus 3 Armen besteht, kommen alle in unseren Teil der Bucht. Der Mensch ist halt ein Rudeltier! Ein Franzose ankert etwas zu nah und wird freundlich gebeten etwas weiter weg zu ankern. Was er dann auch macht.

ES GIBT NUR EIN GAS, VOLLGAS!  

Das denkt sich wohl eine deutsche Crew und versucht mit Vollgas vor den Kiwis zu ankern. Eine Runde Vollgas rückwärts und fast sitzen sie am Cockpittisch der Kiwis. Darren und Alex wird das zu bunt. Sie gehen Anker auf und werfen nach kurzer Diskussion erneut im rechten Arm der Bucht. Währenddessen kommt ein weiterer Franzose und wirft seinen Anker zwischen uns, der Mistral und dem ersten französischen Boot. Ein Kommunikationsversuch auf Englisch schlägt fehl! Das Schulfranzösisch reicht nicht aus! Wir gehen Anker auf und legen uns in die Bucht, in der die Kiwis nun liegen. Aus welchem Grund auch immer – beide französischen Yachten gehen Anker auf und kommen ebenfalls rüber. Franzose 1 wirft seinen Anker auf unseren. Was zur Hölle geht in denen vor? So langsam verliert Matthias, der gerade im Dinghi sitzt und schauen möchte, ob unser Anker fest eingefahren ist, seine gute Kinderstube und beginnt sich ernsthaft zu fragen, ob wir nun wieder an unseren alten Platz, der jetzt wunderschön frei ist, zurück fahren sollen. Das Essen steht auf dem Herd „jetzt wird nicht mehr umgeankert!“ entscheide ich. Die sollen sich gefälligst in dieser Riesenbucht einen anderen Platz suchen. Mittlerweile sind die Gemüter ebenso erhitzt wie die Civapcici in der Pfanne. Zeit für die Nahrungszufuhr!

DOCH ZU GUTER LETZT TREIBT NOCH EIN ESTE, DURCH DIE BUCHT, WÄHREND IM COCKPIT GESPEIST UND GEANGELT WIRD.

Eigentlich hatten die doch gerade erst in der Nähe der Felsen mit mindestens 300 Meter Entfernung geankert. Dass sich das Umfeld verändert und der Anker nicht hält haben sie wohl nicht mitbekommen und treiben an der Wanderlust vorbei auf uns zu. 10 Meter bevor Deutschland und Estland zu Einem wird, fragen wir, ob sie vielleicht mal ihren Motor starten könnten. Der Este dampft, mit einem kurzen „Dankeschön“ ab. Die Cevapcici sind jetzt kalt aber wir haben Ruhe!

Kleine Häuschen wurden in die Felswand integriert. Wir fragen uns wer da mal gewohnt hat.

Kleine Häuschen wurden in die Felswand integriert. Wir fragen uns wer da mal gewohnt hat.

Auf den Spuren der Esel.

Auf den Spuren der Esel.

In kleinen Steinterrassen sammelt sich das Salz wenn die Feuchtigkeit verdunstet ist.

In kleinen Steinterrassen sammelt sich das Salz wenn die Feuchtigkeit verdunstet ist.

Im dritten Arm der Bucht, der etwas abseits der beiden anderen liegt, gibt es unglaublich viel zu entdecken. Häuser wurden hier in die Felsen gebaut und verwahrlosen schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten. Über den Eselspfad gelangt man zu den Felsen. Wenn man so zwischen dem riesigen Gestein klettert, fragt man sich, ob es damals Brücken gegeben hat, oder ob auch die Menschen, die dort lebten, über die Felsen für einen Besuch beim Nachbarn gekraxelt sind. Ein gefliestes Bad erkennt man an der hellen Stelle, an der einmal die Toilette gestanden haben muss. Es ist unglaublich ruhig hier, dagegen sind die beiden anderen Teile der Bucht schon fast Massentourismus mit ihren Ankerliegern und Strandbesuchern. Wir finden beim Rückweg ein Skelett im Kiesbett neben einer kleinen Mole. Es muss ein Hund gewesen sein. Ich fange an zu würgen, denn die Haut sieht seltsam faserig aus und meine Psyche kommt gerade nicht auf Todesfälle klar. Verfall gruselig nah!

Bald soll es für mich noch einmal in die Heimat gehen. Ein großes Familienfest steht an. In Fornells wollen wir ankern, Matthias möchte dort auf mich warten. Aber Fornells ist voll mit Seegras. Auf Seegras hält der Anker nicht. Ein schlechtes Bauchgefühl macht sich breit. Auf dem Weg zu einem kleinen Sandfeld (wohlgemerkt das Letzte in der Bucht) überholt uns ein Schwede, der schnell nach vorne hechtet, seinen Anker klar macht und seinen Anker hektisch, genau da platziert, wo wir den unseren hinlegen wollten. Spitze! Herzlichen Dank auch! Irgendwie haben wir es nicht so mit den Nachbarn! Matthias will noch mal durch die Bucht fahren. Ich finde es überflüssig und denke, dass uns die Zeit davon rennt. Draußen steht der Schwell und in Gedanken fahre ich schon mit ELMO und Matthias nach Mahon… viel zu viele Seemeilen für einen Tag und eine ziemlich knappe Kiste in meinen Augen. Ich gehe in diesem Moment davon aus, dass wir nirgendwo auf dem Weg nach Mahon eine geschützte Bucht finden. Und dann ist da noch dieses beschissene Bauchgefühl. Matthias versteht die Welt nicht mehr, da er im Gegensatz zu mir noch einen weiteren Plan im Kopf hat (in den Hafen nach Fornells fahren).

DIE FÄHIGKEIT IN DIESEM MOMENT KLAR ZU SAGEN, WAS DER EIN UND DER ANDERE DENKT, IST UNS ABHANDEN GEKOMMEN UND LIEGT WAHRSCHEINLICH AUF DEM GRUND, DA WO EINFACH ZU VIEL SEEGRAS GEWACHSEN IST.

In diesem Moment kommt Susanne in die Bucht gefahren, ich denke sie weiß es nicht, hat aber nur durch ihre reine Anwesenheit und das Kurze „Wo gehst du hin für die Nacht? Ah ok, in den Hafen, Wasser tanken und aufproviantieren. Wir ankern hier nicht, hier ist Mist!“ die Situation auf Wohlfühltemperatur runtergekühlt. Wir fahren raus. Endlich wieder bei klarem Verstand schaffen wir es, all die Gedanken auszusprechen. Wir fahren um einen Landzipfel und schauen ob es dort eine Bucht gibt, in der man sich vor dem Schwell verstecken kann. Wir haben Glück! Son Saura ist der Ort, an dem Matthias die nächsten Tage warten wird. Baden gehen kann man getrost vergessen, denn die komplette Küste Menorcas ist voll mit Leucht- und Kompassquallen. Aber es hat einen Supermarkt, sowie gutes Internet, was Matthias gebührend zelebriert. Von Son Saura fährt zum Glück auch ein Bus bis Mahon.

DER BESTE MOMENT UM SEINEN ANKER, INKLUSIVE KETTE AUF DEM MEERESBODEN ZU VERSENKEN ­– ODER ABENTEUER-HONEYMOON AUF CHARTERYACHT:

Am nächsten Tag machen wir uns gerade bereit zur Abfahrt, da kommt ein spanisches Pärchen mit einem Charterboot in die Bucht und schmeißt seinen Anker inklusive letztes Glied der Kette ins Meer. Große Augen, Ratlosigkeit. Viertel Stunde bevor ich mit Sack und Pack ins Dinghi steigen wollte. Ohne Anker und Kette beginnen sie durch die Bucht zu treiben. Wir machen unseren Zweitanker und die Bleileine klar. Matthias steigt ins Dinghi und fährt rüber, um sie festzumachen. Die Beiden haben wohl das Glück gepachtet, denn vom anderen Ende der Bucht fährt schon ein kleines rotes Segelboot mit Kurs auf Charteryacht und einem Apnoetaucher in Neoprenanzug auf sie zu, der den spanischen Honeymoonern die verlorene Kette wieder hochtaucht. Ganz unüblich schaffe ich es überaus pünktlich zum Bus und an den Flughafen.

Ein letzter Blick auf ELMO

Ein letzter Blick auf ELMO

Während ich meine nette Namensvetterin im Flugzeug kennenlerne und auf dem iPad ihres Mannes den Stift mit all seinen Druckstufen beim Kalligraphieren austesten darf, Menorcatipps von ihnen bekomme, Zeit mit Freunden und Familie in der Heimat verbringe, bekommen Matthias und ELMO Besuch von Susanne und Chris. Chris ist ebenso wie Susanne einhand unterwegs und auch als Susanne weiterzieht, zelebrieren die Männer einen Abend mit Lendchen-Nudelauflauf. Nach einem wirklich kleinen Zeitfenster in Deutschland sitze ich schon wieder im Flieger zurück. Mit zwei Stunden Verspätung fliegen wir endlich los.

DAS GESCHÄFTSMODELL, VON DEM ICH IMMER NOCH NICHT WEISS, WAS ICH DAVON HALTEN SOLL.

Ein Pakistani der links neben mir sitzt, hatte sich eigentlich den Fensterplatz rechts neben mir gebucht und wollte schlafen. Da dort nun eine Frau sitzt kann er nicht schlafen und wir quatschen den kompletten Flug. Seltsames Geschäftsmodell, was er da hat. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, aber er erzählt mir, dass es eine bestimmte Ziegenart mit geschwungenen Hörnern in Pakistan gibt – Die Schraubenziege, die kurz vor dem Aussterben war und der Schneeleopard, der immer noch ganz oben auf der roten Liste steht. Nicht wegen tierischen Fressfeinden, sondern wegen der Menschen, die nicht wirklich Geld hatten sich etwas zu Essen zu kaufen und so auf Ziegen- oder Leopardenjagd gegangen sind. Diese beiden sind seine Lieblingstiere und er hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu schützen. Statt den Menschen zu sagen, sie sollen das Jagen unterlassen, nutzt er nun das perfide Verlangen und das Geld reicher Menschen Tiere zu töten, um den Menschen in seiner Heimat das Geld für Nahrung, Schulbildung und einen besseren Lebensstandard zur Verfügung zu stellen. Kurzum, er arbeitet mit Naturschützern zusammen, die aufgrund von Überpopulation Tiere töten müssen um andere Tiere, die vom Aussterben bedroht sind, zu schützen. Er kauft sozusagen die Tiere, die getötet werden sollen, um diese wiederum an reiche Menschen mit Mordlust zu verkaufen. Krasse Geschäftsidee. Ich finde es irgendwie verstörend. Beim näheren Draufrumdenken bemerke ich, dass es eigentlich das Gleiche ist Jäger von Beruf zu sein, denn der übt im Grunde das Gleiche aus, allerdings macht der Pakistani halt genau damit Geld für seine Leute. Nun, sein Geschäft beruht nicht nur darauf, sondern auch auf der Aufklärung der Menschen zu schützenswerten Tierarten in Verbindung mit Naturschützern aus aller Herrenländer, zum Anderen bietet er Ski-, Wander- oder Klettertouren durch die wunderschöne Landschaft Parkistans an. Mir bleibt die Spucke weg, als er mir die Bilder von den Bergen, den Flüssen, Stränden und Meer zeigt. Auch dass der K2 in Pakistan beheimatet ist, muss ich zu meiner Schande eingestehen, wusste ich nicht! Der Flieger hat wahnsinnig Verspätung und ich rutsche nervös von einer auf die andere Arschbacke, weil mein Anschlussflug in Barcelona in wenigen Minuten losfliegen will. Mein Nachbar bekommt meine Nervosität mit und fragt, wie er helfen kann. Eigentlich ist mir ja nicht mehr zu helfen, aber wir schaffen es als einer der ersten Passagiere aus dem Flieger raus zu sein. Er rennt mit mir durch den Flughafen und hält ebenfalls seine Augen nach meinem nächsten Gate offen. Ob er mir was abnehmen kann beim Rennen – fragt er. Wenn ich ihm jetzt im Schnellschritt auch noch meinen Rucksack gebe, dann geht meine Hose flöten, denn den Gürtel hatte ich vorsorglich vergessen einzufädeln und halte sie mit beiden Händen beim Laufen fest. „Nee, danke, geht schon!“, ruf ich ihm außer Atem zu. Völlig verschwitzt kommen wir an. Das Boarding hat gerade begonnen. Durchatmen. Ich bedanke mich bei meiner Begleitung und wünsche ihm viel Spaß bei seinem Termin in Barcelona. Im Sonnenuntergang landet das Flugzeug in Mahon.

Puh! Geschafft! Bereit zum Boarding.

Puh! Geschafft! Bereit zum Boarding.

GERADE NOCH SIND WIR ÜBER UNSER KLEINES, SCHWABBELNDES ZUHAUSE GEFLOGEN.

Das war glaube ich der kürzeste Flug meines Lebens – eine ganze halbe Stunde! Matthias knattert schon mit Baby-ELMO durch die Bucht als ich am Strand ankomme. Er hatte die Lichter des Taxis gesehen und da mein Handy-Akku den Geist aufgegeben hatte, hat er mich nicht mehr erreicht. Aber „Wer kommt schon im Dunkeln in der hintersten Ecke an einem Strand an?“ dachte er sich und hat den Motor angeworfen. Der nächste, regnerischen Tag wird in der Bucht von Son Saura vergammelt, bevor wir zur Illa den Colom, die übrigens zum Verkauf steht, weiterziehen und das kleine, süße Dörfchen auf uns wirken lassen.

Für unsere Hilfe haben uns die Honeymooner einen Wein mit schönem Etikett geschenkt. Hat auch gut geschmeckt ;).

Für unsere Hilfe haben uns die Honeymooner einen Wein mit schönem Etikett geschenkt. Hat auch gut geschmeckt ;).

BEWAFFNET MIT SCHRUBBER UND SCHWÄMMEN SPRINGEN WIR IN UNSERER WURSTPELLE INS KALTE MITTELMEER.

ELMO ist untenrum ganz schön mit Algen zugewachsen, das selbstschleifende Antifouling funktioniert nicht ganz so gut, wie wir es uns eigentlich erhofft hätten, also schrubben wir ein wenig ELMOs Bauch.

Zwei Putzen für ELMO.

Zwei Putzen für ELMO.

Der wärmste Platz auf ELMO wenn kein Wind da ist: Der Motorraum. Hefeteig wächst hier wie‘s Gewitter!

Der wärmste Platz auf ELMO wenn kein Wind da ist: Der Motorraum. Hefeteig wächst hier wie‘s Gewitter!

Zum Aufproviantieren, Wäschewaschen und dem Abwettern eines Gewitters fahren wir noch letztes Mal nach Mahon in den Hafen. Wir bejubeln die Industriewaschmaschinen, die innerhalb einer halben Stunde all unseren Krempel gewaschen haben, müssen über uns selber lachen, da wir feststellen, dass ein Bus direkt von der Pier bis zum Waschsalon fährt (ein paar Kilometer haben wir zum Waschsalon, durch die Mittagssonne zu Fuß zurückgelegt, wohlgemerkt mit zwei schwerden IKEA-Tüten voller Dreckwäsche) – was wir natürlich mal wieder erst im Nachhinein feststellen, sind bei der Eröffnung einer riesigen, neuen Lidl Filiale dabei und kaufen Vorräte, von denen eine Großfamilie gut und gerne 2 Wochen überleben könnte, sind Gäste eines Taxifahrers am ersten Tag seiner Ausbildung und machen, nachdem das ganze Chaos auf ELMO beseitigt ist, zum Sonnenaufgang am Freitag morgen los. Delfine sagen uns Adieu und entlassen uns ins weite Blau vor uns. Der Arsch von Frankreich (Der Golf von Lyon – da wo der Mistral seinen Ursprung hat) gibt für ein paar Tage Ruhe, also ziehen wir los.

Bettlakenninja

Bettlakenninja

Shopping Queen.

Willkommen bei Shopping Queen.

Alles verstaut! – Kann losgehen jetzt!

Alles verstaut! – Kann losgehen jetzt!

KURS SARDINIEN LIEGT AN.

ELMO schneidet durch die blauen Wellen, Matthias genießt die Ruhe und ich entdecke gerade meine neue Leidenschaft für Krimi- und Thrillerromane. Nach ein paar Stunden ist Menorca, nur noch im Dunst, ganz sanft, am Horizont zu erkennen.

GERADE ALS WIR EINE GROSSE WELLE HINABSURFEN TAUCHT EIN DUNKLES AUGENPAAR AM LINKEN HECKKORB AUF UND SCHAUT MICH DIREKT AN.

Ich springe auf, ein lauter Freudenschrei, danach bin ich sprachlos! Eine Meeresschildkröte, die durch’s Meer paddelt! Einer meiner größten Träume geht gerade in Erfüllung – solch ein wunderschönes Lebewesen in freier Natur zu sehen. Ich hüpfe schnell den Niedergang herab um die Kamera zu holen, während Matthias ELMO dreht. Einen großen Kreis fahren wir um die Schildkröte herum, die sich kurz auf den Rücken dreht und uns anschaut. Mit Freudentränen in den Augen, total übermannt von der Situation, winken wir ihr zu und wünschen ihr eine gute Reise und ein langes Leben.

 

Die Überfahrt verläuft eigentlich recht ruhig. Auf die Wellen könnte man jedoch gut und gerne verzichten, denn die sind sehr hoch und man findet keine angenehme Sitzposition. Als die Sonne sich verabschiedet beginnen wir mit der Wache. Drei Stunden im Wechsel.

byebye Sonne

byebye Sonne

hallo Tag!

hallo Tag!

Durch Quallenarmeen, die wegen der Biolumineszenz als helle Lampions hinter ELMO aufpoppen, schaukeln wir durch die sternenklare Nacht, hinein in den Mondauf- und Monduntergang, sowie in den Sonnenaufgang. Streifendelfine besuchen uns am Morgen und bleiben mehrere Seemeilen bei ELMO. Es ist so ein wahnsinniges, unbeschreibliches Gefühl, so viele tolle Lebewesen um sich herum zu haben, die einfach so verrückt, vorwitzig und neugierig sind, wahrscheinlich frei von Vorurteilen, einfach nur leben.

Velella velella // Eine Segelqualle aber ungefährlich.

Velella velella // Eine Segelqualle aber ungefährlich.

34 Stunden und 190 Seemeilen später erreichen wir Sardinien und lassen müde den Anker auf einem Sand-Matsch-Gemisch in Porto Conte fallen.

Lad uns auf ne Runde Internet ein und unser Datenvolumen über Paypal auf.

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