Ein Wetterschwein namens Medicane und warum es nicht romantisch ist, eine Woche, auf einem Boot, in einer griechischen Bucht festzusitzen!

Es ist der 17. September. Abreisetag für Tugba. In der Mittagshitze verstecken wir uns im Schatten eines Bushäuschens in Argostoli. Wir warten nicht lange und schon befördert der Bus eine unserer liebsten Mitseglnerinnen zum Flughafen. Wir tuckern zurück zu ELMO und planen die nächsten Tage.

Byebye Tugba!

DER KAPUTTE GASHERD – DIE NEVER-ENDING-STORY.

Das unendliche Trauerspiel mit unserem Herd, der mittlerweile zu 2/3 aufgegeben hat, soll bald ein Ende haben! Nach ewigem Hin und Her ist Matthias der Geduldsfaden gerissen und die netten E-Mails mit der Bitte um weitere Ersatzteile haben ein Ende. Denn seit einiger Zeit haben wir uns für die ganz undeutsche Variante entschieden, die Gasknöpfchen für den Kochvorgang mit Gaffer abzutapen, was natürlich eine der unsichersten Varianten ist, die man machen kann, wenn man mit Gas kocht. Ganz wohl war uns bei der Sache nicht und wir wurden ein Wenig paranoid was das Abstellen von Ventilen anging. Seit wir letztes Jahr in Valencia angekommen sind, hatte der Herd mal weniger, mal mehr Bock zu arbeiten. Gasmänner konsultieren, Hafengebühren für diese Sache bezahlen und Ersatzteilorgien folgten und hatten Mitbestimmungsrecht in unserem Segelalltag. Matthias erstellte eine Liste mit Aufstellung der Kosten, falschen und richtigen Ersatzteillieferungen und Terminen, die wir einzuhalten hatten, weil unser Herd mal wieder aufgegeben hatte und schickte es an den Händler. Der Händler des Herdes willigte schließlich ein, einen neuen Herd zu schicken, nachdem er festgestellt hatte, dass es ihn günstiger kommt, einfach zu akzeptieren, dass das Ding eine Macke hat und auf Garantie auszutauschen ist, statt endlos Ersatzteile zu schicken.

Zakynthos ist schon eine phantastische Insel. Überall sind Höhlen an den Klippen, die fast wie alte griechische Säulen in der Abendsonne wirken.

Nun wartet ein neuer Herd in Zakynthos auf uns! Heureka! Wir machen 10 Kreuze im Kalender und setzen Segel Richtung Zakynthos. Dort ist es bestimmt schön und wir können noch ein wenig die Stadt erkunden, denken wir uns.

Der Zyklon, das Ungeheuer!

Römisch-katholisch legen wir an der Außenmole des Yachthafens an, denn drin ist es proppevoll. Grund ist eine äußerst schlechte Wettervorhersage für die nächsten Tage: Ein Medicane soll angerauscht kommen!

Ok – ehm… wart mal! Ein Medi… WHAT? WAS BITTE IST DAS?

Ein Hurricane im Mittelmeer! Dieser entsteht, wenn sich ein eisiger Fetzen vom arktischen Höhentief abschnürt und sich denkt „Ich leg‘ mich jetzt mal auf die warme Luftsuppe drauf, die da schon seit Ewigkeiten, unbewegt, über dem auffällig warmen Mittelmeer rumsteht“. Da die Natur immer alles ausgleichen will und eigentlich nie still steht, setzt sich dieses Konglomerat in Bewegung. Es wirbelt mit immenser Kraft. Sicherlich bin ich kein Jürgen Kachelmann und sicherlich müssen noch viele andere Faktoren eintreten, damit etwas diesen Ausmaßes entstehen kann, wen es genauer interessiert hier klicken. Auf alle Fälle sieht es nun so aus, dass diese ganzen Faktoren nun hier im Mittelmeer, 2018, zwischen Griechenland, Sizilien, Malta und Tunesien erfüllt werden und uns ein Hurricane-artiger Sturm ins Haus steht. Na super!

So geht das Festmachen in Zakynthos! Einfach mal um eine Säule statt einen Ring oder Poller.

Neuer Herd an Bord. Das Einbauen muss allerdings noch warten, denn dafür brauchen wir Ruhe und ein ruhig liegendes Boot.

Unsere Österreicher Nachbarn auf Chartertörn suchen nun auch nach einer Lösung, denn die müssen ihr Schiffchen schon bald wieder abgeben. Wir finden ein „Hurricanehole“ am Festland in das wir uns verziehen wollen. Also schnell den Herd einpacken, Wasser auffüllen – denn die Tanks sind staubtrocken – zur nächtlichen Stunde noch ein Pitasandwich reinziehen und am nächsten Morgen Zakynthos verlassen, ohne einmal durch die Stadt gegangen zu sein. Aber Zakynthos ist ganz bestimmt schön!

Auf dem Weg in unsere sichere Bucht ist es gespenstig ruhig. Eigentlich total schön, die Blautöne des Wassers und des Himmels gehen ineinander über, sodass man keinen Horizont ausmachen kann. Totale Flaute. Das Meer ist ein Spiegel. Eine totale Ruhe liegt über dem Meer, kein Laut ist zu hören, keine Vögel, keine Delfine, nichts, alles wie in einer klangdichten Hülle. Nur ELMOs Motor, der gleichermaßen tief vor sich hintuckert. „Da ist sie also“ denke ich mir, als ich am Bug stehe – „die Ruhe vor dem Sturm“!

Mega bedrohlich!

Wir lassen in Petalas den Anker auf 5 Meter Wassertiefe fallen. Matsch. Idealer Ankergrund um sicher durch einen Sturm zu kommen. Die Bucht ist riesig. Genug Platz ist allemal da und diesen Platz teilen wir uns mit 2 anderen Booten. 50 Meter Ankerkette liegen. Das sollte reichen – mehr haben wir eh nicht! Die Kettensicherung wird eingebaut, damit die aufkommende Kraft auf zwei Klampen (Festmacherpunkte) an ELMOs Bug (die Nase des Schiffes) verteilt werden, statt den Ankergalgen beim Rumschwojen zu verbiegen oder gar abzurupfen. Das Bimini muss runter, die Sprayhood bleibt drauf. Das Paddlebord wird unter dem Bett verstaut. Das Großsegel wird mit einer zusätzlichen Leine gesichert, wie auch das Vorsegel. Alle Dinge, die irgendwie durch die Gegend fliegen könnten, werden weggeräumt oder verzurrt. Das also wird nun unser Zuhause für die nächste Woche sein.

ELMO wird sturmklar gemacht.

WER WILL NICHT MAL AUF EINEM BOOT, IN EINER GRIECHISCHEN BUCHT, FÜR EINE WOCHE FESTHÄNGEN – IST DOCH TOTAL ROMANTISCH… …NICHT!

In Petalas gibt’s nix, außer eine Fischfarm ganz am Ende der Bucht. Nur Natur! Umringt von der griechischen Version des Windows XP – Standarddesktophintergrundes, Ziegen, die jetzt alle einen Namen haben und trüben Wasser. Der Wind hat stark aufgefrischt und körperliche Bewegung an Bord ist Mangelware, wenn man von dem Rumschwabbeln des Bootes mal absieht. Das Dinghi ist festgebunden, ein Versuch es abzubinden, um an Land spazieren zu gehen, würde einem Verlust dieses Fortbewegungsmittels gleich kommen. Yoga machen ist nicht drin, man wird von der Badeplattform gefegt oder wahlweise katapultiert, wenn diese auf die aufgebaute Welle klatscht. Was geht: schlafen, essen und lesen. Was zu unserem großen Glück, selbst im Nirgendwo, auch geht, ist, den Wetterforecast abzurufen. Ganze 10 GB werden wir in dieser Zeit für den Wetterforecast verballern.

So sah dann einer der Wetterforecasts aus.

Sitzposition der Woche „Halbseitigbelastet-den-Wetterforecast-anstarren“.

Lesen hilft!

Die griechische Version des Windows XP Startbildschirmes ist allerdings nicht so farbenfroh!

FLUCHTPLÄNE

Zwischenzeitlich sieht es mal nicht so gut für uns aus und wir überlegen was wir machen. 70 Knoten Wind haben wir noch nie erlebt. Matthias meint, der einzige Ort der sicher ist, ist die Höhle an Land. Find ich nicht! Denn hier gibt’s Erdbeben und das nicht zu knapp bei Unwettern. Außerdem find ich es äußerst befremdlich das Boot zu verlassen und es sich selbst zu überlassen! Ich bin für gegenan motoren. Denn ich finde es sicher auf ELMO. Wir besprechen, wie wir im äußersten Notfall von Bord gehen könnten. Das Dinghi fällt als Möglichkeit aus, denn welcher Idiot würde schon versuchen noch den Außenborder, die Paddel und sich selbst ins Dinghi zu wuchten, wenn ein Sturm und die damit einhergehende Welle in der Bucht steht. (Wie schwer es ist, bei Welle wieder auf ein vor Anker liegendes Boot zu kommen, haben wir schon mal in Dubrovnik 1,5 Stunden ausprobiert – es war definitiv kein Spaß!) An Land schwimmen ist Schwachsinn! Rettungsinsel ist die einzige Möglichkeit. Und die wird, nach der Windrichtung zu urteilen, aufs Meer geschoben, statt zum „einzigen sicheren Ort“. Hm… wir werden schon durch kommen, einigen wir uns. Wir gehen mit einem verdammt beschissenen Gefühl in der Magengrube ins Bett.

Überwiegend sieht es draußen so aus!

In den folgenden Tagen dürfen keine Charterboote mehr raus fahren, der Fährverkehr ist eingestellt, niemand ist unterwegs auf dem Meer. Der Akku des Laptops ist schon längst leer. Strom ist ebenfalls Mangelware. Die Sonne lässt sich nur selten mal durch die Wolkenlöcher erblicken, was gerade so ausreicht um Strom über die Solarpanele fürs Ankerlicht zu generieren. Aber auch das eigentlich nicht, denn am 3. Tag müssen wir den Motor anmachen, damit unsere Batterien nicht hops gehen. Beim Zähneputzen bemerken wir, dass wir in Zakynthos verunreinigtes Wasser aufgenommen haben. Es riecht nach einer Mischung aus erdigem Muff mit abgestandener Brühe. Der Wasserdampf beim Eier kochen riecht, als hätte jemand seinen Darminhalt in unseren Kochtopf entleert was nun warm auf unserem abgetapeten Herd vor sich hin köchelt. Das Gute – wir haben genug Frischwasserreserven als Trinkwasserflaschen gebunkert, die nun auch zum Kochen und zum Kaffeemachen, statt nur als Trinkwasser dienen. Es ist langweilig, die Zeit zieht sich wie ein monströses braunes HubbaBubba was den Colageschmack schon längst verloren hat. Dem Körper fehlt Bewegung. Abends ist man froh, wenn der Tag vorüber ist. So hängen wir zwei stinkenden Primaten nun in unserer Schutzbucht ab, schauen zum x-ten Mal gebannt auf den Wetterforecast, der nun bestätigt, dass wir am äußersten Rand des Medicanes sind. Das ist gut! Was überhaupt nicht gut ist, sind die Nachrichten von Freunden und Bekannten die auf Kreta hocken und dieses fiese Hurricane-Ding volle Breitseite miterleben. Auch die Ionischen Inseln bekommen ihr Fett weg. Boote sinken, Boote gehen auf Drift und ein Haufen Schaden entsteht. Und dann sind wir doch wieder froh, in unserer langweiligen Bucht zu liegen.

Abends wird es manchmal schön.

Und es blitzt ein wenig Sonne durchs Grau.

EINE EXPLOSIVE MISCHE IN ELMOS INNEREM.

Am Abend riecht es verdächtig nach Gas! Als wir die Backskiste öffnen, strömt uns eine mächtige Gaswolke entgegen. Scheiße, da ist wohl gestern was schief gelaufen, als wir die Gasflaschen gewechselt haben! Wie zur Hölle bekommen wir jetzt das Gas aus dem Boot? Da Gas ja bekanntlich schwerer als Luft ist, dürfte es sich nun am untersten Punkt des Bootes befinden.

Hatten wir nicht sogar vor ein paar Tagen noch mit Susanne darüber gesprochen, was man in solch einem Fall tut?! Definitiv nicht die elektrische Bilgenpumpe bemühen, die eigentlich Wasser aus dem tiefsten Punkt des Bootes nach außen katapultieren soll. Wir stellen ELMO komplett auf Durchzug und pumpen mit der manuellen Bilgenpumpe. Nach ein paar Stunden können wir kein Gas mehr riechen. Puh! Wir können von Glück reden, dass sich der Regen für diese Zeit eine Pause gegönnt hat.

SPRINGENDE FISCHE, EIN PHANTASTISCHER SONNENUNTERGANG UND ZIEGEN AN DEN HÄNGEN DER BERGE BLEIBEN UNSERE HIGHLIGHTS.

Am vorletzten Abend werden wir mit einem der schönsten Sonnenuntergänge versöhnt.

Sogar mit Doublerainbow

Und dann ist es endlich so weit. Der Sturm ist vorbei und wir können weiter. Nach 7 schier unendlich langen Tagen, ohne Bewegung, ohne einen anderen Menschen außer uns gesehen zu haben.

ZURÜCK IN DIE ZIVILISATION – WIE ES IST, NACH EINER WOCHE WIEDER FESTEN BODEN UNTER DEN FÜSSEN ZU HABEN und plötzlich mit vielen visuellen reizen überschüttet zu werden.

Wir machen einen kleinen Abstecher in eine Bucht mit glasklarem Wasser. Wir wollen unsere, in Eigensud getränkten Körper, säubern. Die Fallböen sind allerdings so krass, dass wir beschließen weiterzufahren. Das Meer ist noch ganz schön aufgewühlt. Eine große Welle steht, selbst im eigentlich gut geschützten Bereich, zwischen den Ionischen Inseln und dem Festland. Alles ist in Bewegung. Es ist kalt geworden. Die Hitze der letzten Monate ist verschwunden. Es weht ein frischer Wind – eigentlich ganz schön, wäre das Bilden solcher konfuser Wetterlagen nicht der direkte Beweis für die Auswirkungen des Klimawandels.

Vor Mitika am Festland fällt der Anker. Zivilisation! Eine Dusche im Meer! Bewegung! Spazieren gehen und vielleicht sogar etwas essen! ES TUT SO GUT! Aber ist auch etwas überfordernd. All die Eindrücke, all die Menschen (und es sind noch nicht mal viele), all die Supermärkte mit frischem Obst und Gemüse. All die Blumen, all die Farben, der Müll an den Straßen, die Fassaden der Häuser, Asphalt unter den Füßen, der sich nicht bewegt. Die Füße sind steif und die Knie sind weich wie Pudding. Laufen fällt irgendwie schwer, telefonieren beim Laufen noch mehr. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen als ich mit David am Ohr durch die Straßen laufe. Alles lenkt ab. Ich beende das Telefonat und versuche auf die visuellen Reize klar zu kommen. Matthias geht es ähnlich. Es fühlt sich an als wären unsere Augen und das Gehirn eine kaputte Kamera, der es nicht mehr möglich ist zu fokussieren.

Ich hab’s ja gesagt – VISUELLE REIZE!

Am nächsten Morgen haben wir uns wieder akklimatisiert. Wir kaufen ein paar Sachen ein, laufen ein Wenig durch die Gegend und machen uns auf nach Nidri.

manchmal liegt es an den menschen und an den erfahrungen, wie schön oder hässlich ein ort sein kann.

Nidri ist nicht gerade der Wellnessort Nummer 1. Alte und neue Wracks liegen halb oder ganz gesunken in der Ankerbucht. Die Stadt ist geprägt von Wellblechbuden, die irgendwie lieblos zusammengestückelt aussehen. Gemma – eine befreundete Seglerin vergleicht Nidri mit Thailand. Was in Thailand allerings einen magischen Flair von weiter Ferne, interessante, andersartige Kultur und sympathisches Chaos versprüht, ist in Griechenland irgendwie unschön anzusehen. Man merkt – Nidri ist nicht gerade unser Favorit griechischer Örtchen. Doch in Nidri gibt es den Skorpios-Steg. Hier werden wir mit offenen Herzen empfangen, was unheimlich gut tut. Nicht nur die Wassertanks bekommen eine Grundreinigung und werden vom Muff befreit, sondern auch wir. Der neue Herd wird eingebaut und am Abend werden wir eingeladen noch ein wenig mit den Leuten, die gerade am Steg sind oder dort arbeiten, zusammenzusitzen, zu essen, zu trinken und zu schnacken. Es wärmt von innen. Es tut gut und versöhnt uns mit komplett Nidri. Es gibt uns das Gefühl von menschlicher Herzlichkeit und willkommen zu sein.

Auf dem Weg nach Nidri.

Wrack in der Tranquillity Bay in Nidri

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