Das italienische Wetter ist kaputt! Gewitter, Pizza und viel Regen.

Fest zwischen einem Motorboot und einem kleinen Segler liegen wir in Brindisi an der Stadtpier. Nachdem Matthias vergeblich versucht hat, uns in Italien einzuklarieren, kommt er auf dem alten, pinken, klapprigen Fahrrad, welches Luka, der Hafenarbeiter, ihm geliehen hat, zurück. „Ich hoffe, das stimmt jetzt alles so. Ich habe keine Ahnung, ob wir jetzt wirklich legal hier sind. Ich habe aber einen Zettel von der Polizei mit Unterschrift und Stempel.“ – erklärt er mit schüttelndem Kopf. ELMO soll noch etwas sicherer liegen, denn Gewitterwolken sind im Anmarsch. Noch hängen wir dem Motorboot, zu unserer Linken, etwas auf der Backe. Mooring noch mal festziehen, rückwärts einfahren und die Achterleinen auf Spannung bringen. Noch ziemlich zerschossen von der Nachtfahrt, bekommen wir uns dabei in die Haare und merken beide, dass es vielleicht doch besser wäre 9 statt 6 Stunden im 3-Stunden-Takt zu schlafen. Wieder was gelernt! Das nächste Mal einfach mehr schlafen!

Elmo ist nicht ganz dicht! 

Der Nachbarlieger auf dem Segelboot erzählt uns etwas von „später, multicolore, grande, molto“. Wir verstehen nicht wirklich viel, eigentlich wollen wir nur noch schlafen. Dazu kommt es allerdings nicht. Das Gewitter rollt über uns. Regen peitscht auf ELMO und tropft auf mein Kopfkissen. Wie geht das? Alle Luken sind dicht! Was zur Hölle?! Wir haben ein Leck! Matthias hat das Sicherheitspaket bei Bavaria bestellt. Somit haben wir eine Sicherheitsleine (Sorgleine), die sich über das Laufdeck spannt, von hinten bis vorne. Vorne, dort wo die Leine festgemacht ist, tropft es nach unten rein. Gaffa hält die Welt zusammen – denken wir uns und befestigen eine kleine grüne Plastikbox mit Tape am Himmel unserer kleinen Welt.

Es tropft!

Willkommen in Italien – was ein Fest!

Nachdem das Wetter sich etwas beruhigt hat, verstehen wir nun auch peu à peu, was hier eigentlich vor sich geht. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Mitarbeiter der Guardia di Costeria, Capetaneria und Guadia di Finanza laufen an uns vorbei. Schicke Uniformen über schicke Unifomen schmücken die Männer und Frauen, die fröhlich lachend von rechts nach links an uns vorbei laufen. Alle sind in Feierstimmung. Selbst der Regen kann ihnen nichts anhaben, man setzt sich einfach auf eine Bank, öffnet den Schirm und unterhält sich so lange es in Kübeln von oben hinuntergießt, danach klappt man den Schirm zusammen und zieht weiter.

Walking in the rain

Ich wünsche mir insgeheim, dass ich mich an diese Stimmung an zukünftigen Regentagen in Deutschland zurückerinnere, statt schnell unter das nächste trockene Fleckchen zu kommen und darauf zu schimpfen, dass es mal wieder regnet. Der warme Marmorboden wird von großen Platschern gekühlt und duftet herrlich nach Sommer. Es ist dunkel geworden. Ein Feuerwerk läutet das Fest ein. Unter ELMO beginnt es zu schwabbeln, das Meer wird unruhig. Viele Boote sind auf dem Wasser, gefühlt alle Boote der dort ansässigen Bewohner von Brindisi. Alle nutzen ihre Nebelhörner und machen einen Mordslärm. Wir hechten mit unserem Nebelhorn nach vorne und geben uns dem lauten Gehupe hin und werden mitgezogen von der schönen Feierstimmung. Eine Bootsprozession ist im Gange. Allen Booten voran die Guardia di Costeria mit einem riesigen, beleuchteten Abbild des Patrons von Brindisi. Es ist Patronatsfest! Jetzt haben wir es geschnallt! Deswegen ist Matthias auch so schnell beim einklarieren abgefertigt worden. „Zoll – nein, wofür, die Arbeiten eh erst am Dienstag wieder! Das hier reicht! Passt schon alles, ihr seid ja ein deutsches Boot.“ hatte man ihm gesagt. Das fulminanteste, gigantischste und wahrscheinlich auch teuerste Feuerwerk, was wir je in unserem Leben gesehen haben, beendet die Prozession mit einer wunderschönen Lichtchoreografie am Himmel, musikalische Untermalung von Andrea Bocellis Nessun Dorma inklusive, direkt vor dem Monument, auf welches wir Steuerkurs beim Einfahren in den Hafen genommen hatten. Ganz oben steht schützend eine Statue des Patrons. Die Stadtpier ist gefüllt wie eine Sardinenbüchse, alle Sardinen jubeln und halten die Handys in die Luft zum Filmen. Wir sind überwältigt. Ein schöneres „Willkommen“ in Italien hätten wir uns vorher selbst nicht ausgemalt.

Schon nach einem Tag Aufenthalt bemerke ich, dass wir hier weitaus mehr Vokabeln brauchen als in Montenegro oder Kroatien. Luka wird erst ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, als ich sehr abgehakt erkläre „sto ancora imperando italiano“. Ganz gentlemanlike überhäuft er mich daraufhin mit Komplimenten bevor er wieder in sein Handy versinkt und lethargisch cool Zigarettenrauch in die Luft bläst. Mit Google Translate versuche ich mich beim Brotkaufen in einer kleinen Bäckerei und werde von dem alten Bäcker herzlichst in die Arme genommen und auf Italienisch zugetextet. Lost in translation möchte ich mich so gerne mitteilen, was mich auf die Idee bringt ein first-aid-Vokabelzettelchen, mit den wichtigsten Informationen anzulegen, was ich ab jetzt immer bei mir trage. Ich bekomme was ich möchte, zwei Brote und zusätzlich zwei Olivenbrötchen obendrauf.

Derweil benennt Matthias, der magenknurrend auf ELMO wartet, aus Langeweile und weil die italienische Kommunikations-IT nicht gesichert ist, den WLAN-Extender der Stadtpier in Babadebibi um.

Neuer Name für den WLAN Extender

Zurück schlendere ich, beeindruckt von schönen mediterranen Bauwerken und Skulpturen, in komplett falsche Richtungen. Da ja bekanntlich alle Wege nach Rom führen, genieße ich meinen Spaziergang ganz ohne Google Maps und komme etwas verspätet auf ELMO an, wo ich schon von einem hungernden Matthias erwartet werde. Brindisi ist vielleicht nicht die Stadt aus dem Reisekatalog, aber genau die richtige Dosis an neuem Land und neuer Kultur – Tapetenwechsel, den wir jetzt brauchen. Am Nachmittag flanieren wir durch die Stadt, kaufen einen neuen Satz beste Freunde (Kabelbinder) und schlagen uns am Abend die Bäuche mit Pizza und Pofiteroles voll.

Mozarellafäden ti amo!

Mondaufgang in San Foca

In San Foca genießen wir einen wunderbaren Mondaufgang.

Von Roberto, unserem Nachbarlieger, erfahren wir, dass „elmo“ auf Italienisch „Helm“ heißt. Die Gespräche sind schwierig, wir versuchen es auf englisch, spanisch und italienisch. Mit Händen und Füßen bekommen wir dann meist nach einer halben Stunde das raus, was man dem Anderen mitteilen möchte. Roberto lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen und es wird bei einem Abendessen auf ELMO alles bequatscht, was man so auf dem Herzen hat. Alleine ist er unterwegs, 6 Tage ist er durchgesegelt. Matthias und mir fallen die Kinnladen runter. Seine Frau und seine Tochter hat er zu Hause gelassen, denn die beiden stehen nicht so auf Segeln. Mit cubanischer Zigarre im Mundwinkel und Amaro, ein ganz schön leckerer Likör, füllt er Matthias und mich, unter den nach Essen gierender Blicke der Katzen am Pier ab. Neidisch auf Robertos Außenbordgrill machen wir uns gegen Mittag aus dem Hafen, weiter Richtung Süden auf.

Roberto

Bestes Gemüse und beste Früchte bekommt man auf dem Markt

In Santa Maria de Leuca treffen wir kurz vor Sonnenuntergang ein. Ein Marinero pfeifft wie ein Verrückter in unsere Richtung und winkt mit den Armen. Ihm geht unser supersafes Anlegemanöver wohl auf den Geist. Matthias macht ihm über Funk klar, dass wir ihn gesehen und gehört haben und er nun seine Hektik runterfahren kann, Matthias Erklärung:

ELMO – pretty slow, but well prepared german boat

Marco (irgendwie heißen ganz schön viele Marineros so) ist mega nett, erfahren wir nach dem Anlegen (vielleicht ist das ja auch einfach nur die laute, fröhliche Art zu kommunizieren hier unten im Süden) und wünscht uns einen guten Aufenthalt. Am späten Abend fährt ein Italiener in eine Lücke, rückwärts mit Zunder rein, zapzarapp Vorwärtsgang, wenn man fast schon droht in die Pier zu krachen, fest. Ferrari geparkt unter Vollgas mit Handbremse. OK, so macht man das also hier! – Wir sind beeindruckt!

Im Hafen befinden sich ehemalige Flüchtlingsboote. Ein deutsches Pärchen erzählt, dass es 50 türkische Flüchtlinge gewesen sein sollen, die aus einer Yacht ausstiegen, die gerade mal 3 Meter länger ist als ELMO. Auch die Küstenwache ist hier immer auf fünf-vor-zwölf-Stellung. Mit viel Karacho und Blaulicht rauschen sie an uns vorbei aus dem Hafen. Alle Boote schaukeln sich auf, dass man meint, die Klampen reißen im nächsten Moment raus. Bedrückend.

Im Internet lesen wir die Horrornachrichten über die zerstörerische Gewalt von Hurricane Irma. Viele der Segler, denen wir auf Instagram oder über Facebook seit Jahren folgen, sind oder haben sich eine Existenz in der Karibik aufgebaut. Wir hoffen, dass ein Wunder geschieht und dieses Monster sich in Nichts auflöst! Ich frage mich, warum man solche Naturkatastrophen nicht nach Menschen benennt, die den Klimawandel leugnen. Ich würde da diesen Verrückten vorschlagen, der gerade den ersten schwarzen Präsidenten in den USA abgelöst hat. (Ein paar Tage später habe ich bei Twitter entdeckt, das diesen Einfall noch mehr Menschen hatten, man sollte vielleicht wirklich eine Petition starten! Ich würde unterschreiben!)

In Tourett… äh scheiße! Torretta lassen wir nach einem langen Segeltag ganz nach meinem Gusto (15-20 kn Wind, 2,5 m Welle, 7,8 kn!!! ELMO-Geschwindigkeit über Grund und einem ganzen Tag Amwind- und Halbwind-Kursen), zur goldenen Stunde, das erste Mal in Italien den Anker fallen. Wunderschön hier! – Bis auf das Gewitter, was bis zum nächsten Morgen nicht abreisen will.

Yeha! Genau diese Bedingungen liebe ich!

Verrücktes Wetter

Wir werden aus dem Schlaf geschwellt. Hier wollen wir nicht länger bleiben. So ziehen wir noch mal weiter gen Süden, haben ja auch schließlich noch was vor uns. In Crotone wollen wir wieder ankern. Die Wettervorhersagen sehen nicht gut aus. Alles rot! Heißt 30-35 kn Wind genau gegenan. Das erschwert das Weiterkommen und unsere Segel möchten wir auch nicht unbedingt zerfetzen. Wir bleiben hier, bis sich ein gutes Wetterfenster auftut. Über die Funke brüllt einer laut „uno, uno!“ – Die Italiener sind lustig! Wir fragen uns ob er gewonnen hat.

Das Wetter in Italien ist kaputt! Die Bedingungen für die nächsten Tage sehen nicht gut aus!


 
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